Das ist gut so. Denn wer Verantwortung für die Gesundheit und das Leben anderer Menschen übernimmt, braucht mehr als ein abgeschlossenes Studium. Die ersten Berufsjahre vermitteln nicht nur
medizinisches Wissen und praktische Fertigkeiten. Sie prägen auch unsere Haltung, unser Verantwortungsbewusstsein und die Sicherheit, mit der wir später Entscheidungen treffen. Was wir selbst in dieser Zeit erfahren und lernen, geben wir irgendwann an die nächste Generation weiter.
Damit ist die Qualität dessen, was wir heute vermitteln, von nachhaltiger Bedeutung. Gute Medizin beginnt mit guter Ausbildung – und diese braucht vor allem eines: Zeit und Raum.
Das gilt im Spital genauso wie in der Niederlassung. Ausbildung darf nicht nur dann stattfinden, wenn der Arbeitsalltag es gerade zulässt. Sie muss Teil des Arbeitsalltags sein. Natürlich wissen wir, wie herausfordernd die tägliche Routine inzwischen ist. Zeitdruck, Personalknappheit, Dokumentation und administrative Aufgaben lassen vielerorts wenig Spielraum. Gerade deshalb müssen wir darauf achten, dass die fachliche Entwicklung junger Kolleginnen und Kollegen nicht zum Nebenprodukt wird.
Wir haben an unseren Abteilungen engagierte Ausbildungsverantwortliche, die diese Aufgabe mit großem Einsatz wahrnehmen. Aber gute Ausbildung ist keine Aufgabe, die an Einzelnen hängen kann. Sie gelingt nur im Zusammenspiel aller: der Ausbildungsverantwortlichen, der erfahrenen Fachärztinnen und Fachärzte, der Führungskräfte und natürlich auch jener Kolleginnen und Kollegen, die am Beginn ihres Berufslebens stehen. Jede und jeder von uns trägt ein Stück Verantwortung dafür, welches medizinische Wissen und welche Werte an die nächste Generation weitergegeben werden.
Und eines ist dabei besonders wichtig: Ärztliche Ausbildung endet nicht mit der Facharztprüfung oder mit der Befähigung zur selbstständigen Berufsausübung. Medizin entwickelt sich mit einer Geschwindigkeit wie kaum zuvor. Neue Therapien, diagnostische Möglichkeiten, Digitalisierung und künstliche Intelligenz verändern unseren Berufsalltag. Was heute Standard ist, kann morgen bereits ergänzt oder weiterentwickelt sein. Deshalb hört auch das Lernen niemals auf.
Aktuelle Veränderungen in den Ausbildungsordnungen sind wichtige Entwicklungen, bringen in der Umsetzung aber naturgemäß auch Fragen und manchmal Unsicherheit mit sich. Die Einführung des
neuen Sonderfachs Allgemeinmedizin und Familienmedizin, die Verkürzung der Basisausbildung oder die Bewilligung von Lehrpraxisplätzen sind Beispiele dafür. Gerade bei solchen Veränderungen braucht es klare Informationen, praktikable Lösungen und verlässliche Rahmenbedingungen.
Hier sehe ich eine wesentliche Aufgabe der Ärztekammer. Wir müssen zuhören, wo es in der Praxis Probleme gibt, Entwicklungen konstruktiv begleiten und dort unsere Stimme erheben, wo Unklarheiten oder unnötige Hürden entstehen. Eine starke Standesvertretung bedeutet für mich auch, dafür zu sorgen, dass junge Ärztinnen und Ärzte gute Bedingungen für ihren Start vorfinden – und dass jene, die Wissen und Erfahrung weitergeben, dafür die notwendigen Rahmenbedingungen haben.
Denn gute Ausbildung ist keine Investition in einige wenige Jahre. Sie ist eine Investition in die Qualität der Medizin für Jahrzehnte. Und damit in das Vertrauen und die Sicherheit unserer Patientinnen und Patienten.
Dafür müssen wir Zeit schaffen. Dafür müssen wir Verantwortung übernehmen. Und dafür müssen wir gemeinsam sorgen, dass gute Medizin auch in Zukunft auf einer guten Ausbildung aufbaut.
Ihre Präsidentin Dr. Silke Haim
Linz, im Oktober 2026