ERWARTUNGEN AUFGEBAUT, DIE NICHT MEHR ERFÜLLBAR SIND
Nun bin ich doch schon lange im Gesundheitssystem tätig. Ich gehe fast jeden Tag spätestens um 6:00 Uhr in meine Abteilung und kann daher beobachten, mit welchem Enthusiasmus die Menschen wegen jeder Kleinigkeiten die Ambulanzen aufsuchen. Von früh bis spät. Ganz unschuldig sind wir als Ärzteschaft an dieser Situation aber nicht. Die letzten Jahrzehnte haben wir – Politik, Ärzteschaft und ÖGK – den Menschen sehr häufig suggeriert: „Kommt zu uns, wenn euch etwas weh tut, denn es könnte ja gefährlich sein.“ Ja, wir haben vieles differenziert, aber das Gefühl dafür, was wirklich notwendig ist und was nicht, ist den Menschen dabei ein Stück weit verloren gegangen. Damit haben wir fast aufgehört – naja, manche Träger noch nicht. Die Menschen kommen auch ohne Werbung in das Krankenhaus. Die Werbebudgets sollte man eher dafür einsetzen, Personal für die Krankenhäuser zu gewinnen und – ja das macht Sinn – die zuweisenden Kolleginnen und Kollegen über neue innovative Therapien und diagnostische Möglichkeiten zu informieren.
KLARE REGELN FÜR VERBINDLICHE LENKUNG
In der Diskussion ist herausgekommen, dass es eine klare Lenkung braucht. Voraussetzung dafür ist natürlich eine gut ausgebaute Versorgung durch Fachärztinnen und Fachärzte für Familienmedizin und Fachärztinnen und Fachärzte der verschiedenen Sonderfächer. Ich bezeichne das im übertragenen Sinne gerne als eine gut asphaltierte Straße, die keine Ausrede zulässt, auf der man gut und sicher durch das System fahren und so sein Gesundheitsziel erreichen kann. Geht man diesen Weg, erhält man eine bestmögliche Versorgung, die am Ende durchaus auch die Option eines Ambulanzbesuches oder einer stationären Aufnahme beinhalten kann. Wenn man jedoch sagt „Ich will aber gleich in die Ambulanz“, dann braucht es hier eindeutig eine entsprechende finanzielle Beteiligung. Diese zwei Möglichkeiten muss man den Menschen natürlich klar kommunizieren, und dann kann jede und jeder für sich selbst entscheiden, welchen Weg sie oder er gehen möchte.
GESUNDHEITSVERSORGUNG NICHT KRANK REDEN
Beim Öffnen der Zeitungen stößt man nahezu täglich auf Berichte über eine mögliche falsche Behandlung einer Patientin/eines Patienten. Niemand von den Leserinnen und Lesern kann die medizinischen Hintergründe überprüfen. Natürlich gibt es auch im Gesundheitssystem Komplikationen. Wir Ärztinnen und Ärzte vertuschen diese nicht, sondern: Wir haben gelernt, diese Komplikationen offen in strukturierter Form aufzuarbeiten. Zum Wohle der Patientinnen und Patienten und mit dem Ziel, die Ursachen dieser Komplikationen in Zukunft bestmöglich zu verhindern. Was ich in diesen Zeitungen nie lese: wie viele positive Leistungen wir rund um die Uhr erbringen. Mit welchem Einsatz die Ärztinnen und Ärzte sowohl im Spital als auch im niedergelassenen Bereich arbeiten, um die Gesundheit der Menschen wiederherzustellen. Da wird mal schnell wieder ein modernes Gerät hervorgehoben, aber nicht die Leistung der Menschen dahinter. Durch die Summe dieser Meldungen wird eine sehr gut funktionierende Gesundheitsversorgung schlechtgeredet und den Menschen Angst gemacht. Angst davor, dass man in Österreich schlecht betreut wird, braucht jedoch keine Patientin/kein Patient haben. Ja, es gibt auch Komplikationen, aber diese sind sehr selten. Wenn es eine Patientin/einen Patienten betrifft, ist das natürlich schlimm, aber wir versuchen immer, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln und die Folgen zu minimieren. Besser als Behandlung wäre ja die Prävention, aber dazu ist die Bereitschaft der Bevölkerung in Österreich noch nicht so ausgeprägt.
Ihr Präsident Dr. Peter Niedermoser