Nichts ist 100 Prozent

Eigentlich wollte ich ein anderes Thema aufgreifen, aber dann war ein tragischer Fall in aller Munde. Ja, es ist schrecklich, was der jungen Frau passiert ist. Man kann oder will sich gar nicht vorstellen, wie sich die Frau fühlt. Es muss alles unternommen werden, um sie in ihrem Leid zu unterstützen und dieses, wie auch ihre Ängste, erträglich zu machen.

Mich macht der Fall auch sehr betroffen, da ich täglich in der Pathologie arbeite und die Abläufe und Fallstricke sehr genau kenne. Jedes Institut betreibt einen unendlichen Aufwand, sowohl personell als auch finanziell, um solche Fehlerquellen auszuschalten. Ich möchte Ihnen ersparen, von den Zertifizierungen und Akkreditierungen zu erzählen, die uns über das Jahr beschäftigen.Trotzdem passieren Fehler, denn nichts ist 100 Prozent sicher. Wir, die in der Medizin arbeiten, wissen, dass es bei jeder ärztlichen Handlung ein Restrisiko gibt. Ob es 0,1 oder 3 Prozent sind, das spielt keine Rolle – es wird einmal in einem Pathologenleben passieren, auch wenn man engagiert und nach den Regeln der Kunst arbeitet. Das ist so, mit dem müssen wir Ärztinnen und Ärzte leben. Was wir anscheinend nicht geschafft haben: den Menschen in unserer Obhut dieses Restrisiko zu vermitteln. Viele scheinen zu glauben, dass es eine hundertprozentige Sicherheit gibt. Vielleicht tragen wir da auch eine gewisse Schuld, da wir den Patientinnen und Patienten diese Botschaft der hundertprozentigen Sicherheit oft suggeriert haben. Überschriften wie Ärztepfusch“ in den Medien und die Postings zu den Artikeln machen mich sehr betroffen, denn wir bemühen uns täglich mit aller Kraft, Komplikationen, von denen wir jetzt lesen und schrecklich für die Frau sind, auszuschließen – aber nichts in der Medizin ist 100 Prozent. 

KI WIRD UNS DIE ARBEIT ERLEICHTERN
In der vorliegenden Ausgabe beschäftigen wir uns mit dem Thema Künstliche Intelligenz – ein weit gefasster Begriff, der von Bilderkennungsprogrammen bis zum Einsatz von Robotern reicht. Was tut sich hier bereits in Oberösterreich? Es geht auch um eine kleine Bestandsaufnahme. In vielen Diskussionen zum Thema wird immer wieder festgehalten, dass die KI „nur“ eine Unterstützung für uns sein kann. Wir, die Menschen, die Ärztinnen und Ärzte, die am Krankenbett stehen, müssen und werden immer der wichtigste Part in der Interaktion mit den Patientinnen und Patienten und in ihrer Behandlung sein. Natürlich wird uns die KI in der Zukunft einiges von unseren Routinetätigkeiten abnehmen. Diese freiwerdenden Ressourcen können hoffentlich zu 100 Prozent in Zeit für die Patientinnen und Patienten umgewandelt werden. Schon wieder diese 100 Prozent! Ja, eine Hoffnung. Jedoch wird es nicht so sein, da neue Aufgaben auf uns zukommen werden. Wichtig ist, dass wir Ärztinnen und Ärzte an der Entwicklung der Systeme mitwir-ken, denn wir wissen, was die Patientin/der Patient braucht, und auch, was wir von der KI benötigen – nicht die Entwicklerinnen und Entwickler aus dem technischen Umfeld.

NEUE KURIENTEAMS SIND AUFGESTELLT
In der Ärztekammer für Oberösterreich wurden die neuen Teams an die Spitze gewählt: Kolleginnen und Kollegen, die schon einige Zeit in der Standesvertretung tätig sind, und daher das politische Handwerk verstehen. Alles junge Kolleginnen und Kollegen, die noch lange als Ärztin und Arzt arbeiten werden und wissen, was die junge Medizinergeneration braucht und wie sich die Jungen ihr zukünftiges Medizinerleben vorstellen. Das ist ganz anders, als ich in die Medizin eingestiegen bin. Auch die Gruppe, die sich mit den Ihnen/Euch bekannten Vorfällen beschäftigt, arbeitet mit Engagement, um unsere Strukturen zu durchleuchten und diese noch besser an die Bedürfnisse der zukünftigen Ärztegeneration anzupassen. Sie werden es gut machen – nicht zu 100 Prozent, aber ich hoffe, wir schaffen es zu 99,99 Prozent.

Ihr Präsident Dr. Peter Niedermoser
Linz, im Februar 2026