Präsidentenbrief


Die Allgemeinmedizin muss wieder cool werden

Viel Arbeit, wenig Brot: Verhält es sich in der Allgemeinmedizin so wie in der Landwirtschaft?

Ich komme aus einer Familie, die ihren Ursprung in der Landwirtschaft hat. Viele meiner Verwandten bewirtschafteten Höfe vor allem in Tirol, aber auch in Oberösterreich. Warum bewirtschafteten? Was ist passiert?

Viele Landwirte sagten zu ihren Töchtern und Söhnen: „Die Landwirtschaft ist so anstrengend, viel Arbeit für wenig Brot, ihr habt da keine Perspektiven, erlernt lieber einen gescheiten Beruf. Als Angestellter hat man es ja viel leichter." Heute sind diese Höfe Golfplätze oder Teil größerer landwirtschaftlicher Produktionsbetriebe.

Manchmal kommt mir die Situation in der Allgemeinmedizin auch so vor. Wir – da nehme ich uns Funktionäre gar nicht aus – haben den Beruf des Allgemeinmediziners immer etwas in ein schlechtes Eck gerückt. Nicht alles ist optimal, jedoch ist vieles deutlich besser als in den Jahren, als ein Allgemeinmediziner rund um die Uhr anwesend sein musste. In Oberösterreich hat es das Team rund um Fiedler, Ziegler und Hutgrabner geschafft, die Allgemeinmedizin in Oberösterreich an die Spitze der Honorarumsätze in Österreich zu bringen. Der HÄND wurde eingeführt, ein Vorzeigeprojekt für das übrige Österreich, wo es in der Nacht keine allgemeinmedizinische Betreuung mehr gibt. Ich weiß, die Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner in Oberösterreich arbeiten auch fleißiger, als die Situation in manch anderem Bundesland aussieht, wenn ich mir die Leistungsstatistiken vor Augen führe. Ein Kollege, den ich als Turnusarzt in meinem Krankenhaus kennengelernt hatte, sagte mir: „Es war meine beste
Entscheidung, Allgemeinmediziner zu werden. Ich kann abwechslungsreiche Medizin machen und bin direkt bei den Menschen. Im Spital hatte ich oft das Gefühl, nur ein unpersönliches Rädchen in einer gut funktionierenden Industrie zu sein."

WOHIN VERSCHWINDEN DIE ÄRZTINNEN UND ÄRZTE?
Als ich dieses Editorial geschrieben habe, waren in Oberösterreich 94 Kolleginnen und Kollegen auf Basis der neuen Ausbildungsordnung in Ausbildung zum Allgemeinmediziner. Jene, die es aber wirklich werden, stellen einen verschwindenden Anteil dar. Bei einer Turnusärztevertreter-Sitzung habe ich gefragt, warum so wenig Interesse an der Allgemeinmedizin vorhanden ist. Einerseits scheint die „Spitzenmedizin" eine unheimlich große Anziehung auf die Absolventen der Medizinunis zu haben. Da müssen wir die Allgemeinmedizin an der Universität noch mehr verankern, um diesen Beruf in die Herzen der Kolleginnen und Kollegen zu bringen. Allgemeinmedizin ist aus meiner Sicht das Rückgrat der Versorgung jedes Landes. Groß ist außerdem die Unsicherheit, neben der Medizin, die anders als im Krankenhaus ist, auch einen Betrieb führen zu müssen – mit allen positiven, aber auch oft schwierigen Aspekten. Hier müssen wir in der Ärztekammer noch mehr Unterstützung anbieten.

Weiters scheint das Thema Primärversorgungseinheit (PVE) noch ein Hemmschuh zu sein. Viele sind sich unsicher, ob sie dann, wenn sie sich niedergelassen und investiert haben, plötzlich von einer PVE „inhaliert" werden. Jenen Kolleginnen und Kollegen müssen wir auch die Angst nehmen, denn in Oberösterreich werden diese Strukturen langfristig geplant und es wird weiterhin eine bunte Versorgung geben durch Einzelpraxen, Netzwerke und eben PVE, die in der Hand der Ärzte bleiben und auf einer freiwilligen Entscheidung beruhen müssen.

LEHRPRAXIS IST WICHTIG
Wichtig ist es, dass die Kollegin, der Kollege auch schon in der universitären Ausbildung in die Praxis eines Allgemeinmediziners kommt. Wenn man nur fachspezifische Medizin lernt, wird das breite Spektrum der Allgemeinmedizin unbekannt bleiben. Beides – die Lehrpraxis im Studium als auch jene in der postpromotionellen Ausbildung – gehört korrekt finanziert. Natürlich haben auch wir als Funktionäre noch Hausaufgaben zu leisten, um die Allgemeinmedizin abzusichern. Dass wir an der Spitze der Honorarentwicklung in Österreich sind, muss uns motivieren, dort zu bleiben. Hausapotheken sind und bleiben ein Thema. Aber auch die Gemeinden sollten sich überlegen, was sie tun können, damit die Allgemeinmedizin für die jungen Kolleginnen und Kollegen wieder cool wird.

Ihr Präsident Dr. Peter Niedermoser
Linz, im Februar 2018