Präsidentenbrief


Arzt für Allgemeinmedizin im Fokus des Interesses?

In den vergangenen Wochen überschlug sich die Politik in Vorschlägen, wie die Allgemeinmedizin gestärkt werden kann. Seit ich standespolitisch tätig bin, gab es kein Parteiprogramm, das nicht von dieser Stärkung sprach.

Eine Studie hat dazu unter den Medizinstudierenden und den in Ausbildung Stehenden einige interessante Ergebnisse erhoben. Medizinstudierende und Turnusärzte interessieren sich durchaus für das Berufsbild Allgemeinmedizin, vor allem hinsichtlich der persönlichen und langfristigen Arzt-Patienten-Beziehung und der vielfältigen Herausforderungen des Fachs. Dass sich trotzdem immer weniger für die Ausbildung zum Allgemeinmediziner entscheiden, liege hauptsächlich daran, dass die Bedingungen für niedergelassene Allgemeinmediziner im heimischen Gesundheitswesen, insbesondere im Kassensystem, als sehr ungünstig wahrgenommen werden. Dies ist – äußerst verknappt – das Fazit einer umfassenden Studie, die das Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung (IAMEV) der Medizinuniversität Graz in Kooperation mit der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) unter der Leitung von Studienautorin Stephanie Poggenburg durchgeführt hat.


SYSTEM SOLL MOTIVIEREN, NICHT ABSCHRECKEN
Für den Beruf des Hausarztes spreche nach Meinung von fast drei Viertel der Befragten die langjährige Arzt-Patienten-Beziehung. Geschätzt würde aber auch die breite Palette an medizinischen Herausforderungen von banalen Erkrankungen bis zum Notfall, beim Kleinkind genauso wie beim alten Menschen. Abgehalten fühle sich der Großteil der Befragten durch die Bedingungen im Kassensystem: vor allem zu wenig Zeit für Patienten und zu viel Bürokratie. Auch die Wertschätzung der Allgemeinmedizin spiele eine „immens wichtige Rolle". Weder Turnusärzte noch Studierende bezweifeln, dass ausärzte bei Patienten ein hohes Ansehen genießen, aber beide Gruppen meinen, dass die Wertschätzung durch politische Entscheidungsträger sehr gering ist. ÖÄK-Präsident Dr. Thomas Szekeres hat in einem Interview klar gesagt, dass Leistung wieder etwas gelten muss, ob beim Allgemeinmediziner oder Facharzt. Dieses Ziel müssen wir erreichen, auch wenn die Umsetzung unter den gegebenen Budgetrahmen in den Ländern seine Zeit brauchen wird. Aber es ist unsere Aufgabe, der Politik klar zu machen, dass dies notwendig ist, um die extramurale Versorgung zu erhalten.

RAHMENBEDINGUNGEN SIND WICHTIG
Vieles haben wir in OÖ ja schon gelöst. Der HÄND ist insgesamt eine Erfolgsgeschichte, der die Kolleginnen und Kollegen in der Inanspruchnahme hinsichtlich der Zahl der Nachtdienste deutlich entlastet, wenn es auch da und dort noch Probleme in der Patientenlenkung gibt, aber die sind zu bewältigen. Modelle für Primärversorgungseinheiten (PVE) wurden entwickelt, die den Bedürfnissen der Kolleginnen und Kollegen entgegenkommen. Die Lehrpraxis wird für die Kolleginnen und Kollegen in der neuen Ausbildungsordnung finanziert. Notwendig wäre auch eine verpflichtende Lehrpraxis im KPJ, denn nur so können die zukünftigen Kolleginnen und Kollegen auf den Geschmack der Allgemeinmedizin kommen.
Bürokratieabbau ist ein großes Anliegen. Da hapert es manchmal an der Definition derselben in der Ärzteschaft, aber hier muss mehr Zeit für die Behandlung der Patienten bleiben. Weiters sind Limits zu diskutieren und dem Bedarf anzupassen. Auch müssen die Kommunen mehr Engagement aufbringen, um junge Kolleginnen und Kollegen für ihre Region zu begeistern. Vor allem müssen wir die schönen Seiten des Berufs einer Allgemeinmedizinerin, eines Allgemeinmediziners, trotz aller Probleme wieder in einem positiven Licht darstellen. Krankreden bringt nichts, denn wie ein junger Kollege zu mir sagte: „Der Hausarzt ist der effizienteste Akteur im Gesundheitswesen. Und es macht Spaß, Hausarzt zu sein."

POLITIK SOLL SICH AN DER BASIS ORIENTIEREN
Die Politik sollte sich an den Menschen orientieren – und an den Gründen, warum sie sich eine gute Versorgung durch niedergelassene Allgemeinmediziner wünschen. Die Politik muss die jungen Kolleginnen und Kollegen fragen, welches Arbeitsumfeld sie benötigen, um diesen Beruf ergreifen zu wollen. Die Politik sollte außerdem die „alten Hasen" um Verbesserungsvorschläge bitten, anstatt Konzepte auf dem grünen Tisch zu entwickeln. Das muss der neue Weg sein, den wir von unseren gewählten Mandataren erwarten.

Ihr Präsident Dr. Peter Niedermoser
Linz, im September 2017