News


7. Gesundheitspolitisches Gespräch: Selbstbehalte im Gesundheitswesen – effektive Patientensteuerung

Der Tenor beim 7. Gesundheitspolitischen Gespräch am Montag, 23. Oktober 2017 im Ars Electronica Center Linz, war eher ernüchternd: Die Wissenschaft hat auch keine Patentrezepte auf Lager, wie Patientenströme am effizientesten durchs Gesundheitssystem gesteuert werden können.

Die Patienten sollten unbedingt die niedergelassene Rund-um-die-Uhr-Versorgung nutzen", sagte Dr. Peter Niedermoser, Präsident der Ärztekammer für OÖ, mit Nachdruck im Rahmen der großen Podiumsdiskussion beim Gesundheitspolitischen Gespräch. „Wenn man den Hausarzt überspringen und gleich direkt zum Facharzt oder in die Spitalsambulanz gehen will, dann sollte einem das etwas wert sein." Kritik wurde laut gegenüber den Studien, die vorab präsentiert worden waren. Denn die Wissenschaft habe auch keine Patentrezepte auf Lager, wie Patientenströme am effizientesten durchs Gesundheitssystem gesteuert werden können. „Wenn die Steuerung vor allem auf Angebotsseite leichter funktioniert, das heißt, sinkende Honorare für mehr Leistung, wie es in Österreich Tradition hat, dann geht das aber zu Lasten der Ärztinnen und Ärzte", sagte Niedermoser. 

Alt-Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer ergänzte: „Die Studien zeigen ein ernüchterndes Ergebnis. Ich hätte gedacht, dass die Steuerung der Patienten über Selbstbehalte leichter funktionieren würde. Die Patienten müssen auf jeden Fall den Versorgungsweg einhalten. Man muss sozial abfedern, ein Selbstbehalt würde aber das Bewusstsein schaffen, dass die Leistungen im Gesundheitssystem einen Wert haben."

Selbstbehalte harmonisieren

Dr. Herwig Lindner, Präsident der Ärztekammer für Steiermark, sagte in der Diskussion, man solle die angebotsbezogenen Selbstbehalte für die Ärzteschaft harmonisieren. „Das würde viel Verwaltungskosten sparen. Empfehlenswert wäre, Leistungskataloge mit wirksamen Leistungen zu entwickeln, die dann von der Kasse übernommen werden, und Leistungen, deren gesundheitliche Wirkung minimal ist, in den Selbstbehalt fallen."

Laut Dr. Michael Müller von der SVA Wien sei das ursprüngliche Ziel der SVA gewesen, dass Patienten früher zur Vorsorgeuntersuchung kommen würden. Nach dem präsentierten Projekt sehe er den Effekt, dass sich die Vorsorgeuntersuchung auf einem höheren Niveau eingependelt habe.

Aus dem Publikum berichteten vorrangig Ärzte, sie hätten beobachtet, dass SVA-versicherte Patienten sich genau überlegen, wann sie kommen, während Patienten der GKK wesentlich häufiger zum Arzt gehen. Dieser subjektive Eindruck widerspricht allerdings den Ergebnissen der Studien.

Die Expertenvorträge

Laut A.Univ.-Prof. Dr. Engelbert Theurl, Professor für Public Finance an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck, hätten die Studien oft widersprüchliche Ergebnisse gebracht. „Prinzipiell gibt es einen Mengeneffekt: Wenn der Selbstbehalt steigt, werden Gesundheitsleistungen weniger in Anspruch genommen. Die Studienlage deutet jedoch darauf hin, dass wirksame und weniger wirksame Leistungen im gleichen Ausmaß zurückgehen." In Summe steige also die Effektivität des Gesundheitswesens nicht. Sein Fazit: Die Steuerung über die Angebotsseite sei leichter und würde mehr bringen, und mit Patientenselbstbehalten müsse man sehr vorsichtig umgehen.

Univ.-Prof. Dr. Gerald Pruckner, Professor für Gesundheitsökonomie an der Johannes-Kepler-Universität Linz, sprach über die ökonomischen Anreize für einen gesunden Lebensstil und darüber, ob es dabei um einen wissenschaftlichen Mythos oder doch eine ernsthafte Reformoption gehe. Er hat das Projekt „Selbstständig gesund" der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (SVA) evaluiert. Im Rahmen des Programms stellt die SVA ihren Versicherten eine Halbierung des Selbstbehaltes in Aussicht, sofern die bei der Vorsorgeuntersuchung vereinbarten Gesundheitsziele erreicht werden. Eine der Erkenntnisse: Die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen sei gestiegen, und zwar um 30 Prozent. „Jene Patienten mit schlechterem Gesundheitszustand und geringerem Antrieb, den Arzt aufzusuchen, erreicht man mit dem Projekt weniger. Ein Großteil derer, die die Ziele erreicht haben, verfügten schon zuvor über eine gute Gesundheit und mehr Arztkontakte."

Das Linzer Institut für Gesundheitssystem-Forschung (LIG) wird unterstützt von:
Deutsche Bank AG und LGT Bank Österreich.

Gruppenfoto, von links: Dr. Michael Müller (SVA Wien), Univ.-Prof. Dr. Gerald Pruckner (JKU), Dr. Peter Niedermoser (Präsident ÄKOÖ), Dr. Herwig Lindner (Präsident ÄK Stmk.), a.Univ.-Prof. Dr. Engelbert Theurl (Uni Innsbruck), Alt-LH Dr. Josef Pühringer

Foto: Cityfoto/Wiesler