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Sexueller Missbrauch: Offener Umgang mit Kindern ist wichtig

Die Missbrauchsvorwürfe gegen einen oberösterreichischen Arzt gehen derzeit durch alle Medien. Viele Eltern fragen sich jetzt: „Kann so etwas auch mit meinem Kind passieren? Wie bekomme ich das überhaupt mit? Und was dann?" Dr. Bettina Matschnig, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt wertvolle Tipps.

„Das Wichtigste", sagt Dr. Bettina Matschnig, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Praxis in Wels und Fachgruppenvertreterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Ärztekammer für Oberösterreich, „ist eine liebevolle und vertrauensvolle Basis". Keinesfalls sollten Kinder Grund zur Angst haben, wenn sie mit Mama oder Papa das Gespräch suchen, erklärt Matschnig. Das beginne schon bei vergleichsweise harmlosen Themen, wie schlechten Noten oder Problemen mit Mitschülern oder anderen Kindern – passe das Verhältnis, so würden sich die Kleinen auch bei heikleren Themen den Eltern anvertrauen.

„Nein sagen" lernen

Dass jeder Mensch, egal wie alt, „Nein" sagen darf, wenn ihm etwas nicht gefällt, sollten Kinder früh lernen. „Ein selbstbewusster und offener Erziehungsstil kann viel Negatives schon im Vorhinein abwenden", erklärt Matschnig, „da muss auch mal über unangenehme Dinge gesprochen werden. Kinder sollten wissen, dass es so etwas wie sexuellen Missbrauch gibt und dass sie nicht alles über sich ergehen lassen müssen, was Erwachsene von ihnen wollen". So können sexuelle Übergriffe schon von den Kindern selbst als solche erkannt werden. Ganz allein bei den Eltern liege die Verantwortung aber nicht. So sollte gerade in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen oder Kindergärten Wert auf moderne und tabufreie Sexualpädagogik und einen offenen Umgang mit Sexualität im Allgemeinen gelegt werden.

Was tun bei Verdacht?

Wenn Eltern einen Verdacht hegen, etwa wegen besorgniserregender Verhaltensveränderungen oder verdächtiger Aussagen, heißt es vor allem Ruhe bewahren. Überreaktionen und unbesonnen gesetzte Handlungen können das betroffene Kind unnötig belasten – vor allem, wenn es sich um einen bloßen Verdacht handelt. In Oberösterreich gibt es zahlreiche Stellen, an die man sich in einem solchen Fall wenden kann. So gibt es zehn sogenannte Kinderschutzzentren im Land, deren Mitarbeiter betroffenen Familien mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Kinder- und Jugendhilfe des Landes Oberösterreich hat in jedem Bezirk Ansprechpartner, an die man sich auch anonym wenden kann. Eine weitere Anlaufstelle kann die Kinder- und Jugendanwaltschaft sein.

Wenn es bereits zu spät ist

Hat sich ein Kind anvertraut und steht somit konkret sexueller Missbrauch im Raum, sollte weiterhin besonnenes Vorgehen an den Tag gelegt werden. Neben den rechtlich relevanten Schritten, sollten Eltern vor allem solche Handlungen setzen, die dem Wohl des Kindes zuträglich sind. Betroffene Familien sollten deshalb je nach Möglichkeit einen Arzt ihres Vertrauens miteinbeziehen oder sich gleich an einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie wenden, um alle weiteren Schritte abzuklären, so die Expertin.