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Medizinstudium: Bezahltes Praktikum macht Allgemeinmedizin attraktiver

In den letzten beiden Semestern des Medizinstudiums geht es für die Studierenden in die Praxis: Im Klinisch-Praktischen Jahr (KPJ) ist neben Mitarbeit im Krankenhaus auch ein mehrwöchiges Praktikum beim Hausarzt vorgesehen. Dass dieses Praktikum ab sofort bezahlt wird, ist einer von mehreren Schritten, schon während der Ausbildung die Attraktivität der Allgemeinmedizin zu fördern und das Interesse des Ärzte-Nachwuchses an einer Kassenordination zu wecken.

Warum sollte ein angehender Mediziner eine Karriere als Hausarzt wählen, wenn er diese Option nie kennenlernen durfte? Vor diesem Hintergrund haben die oberösterreichischen Systempartner vereinbart, dass Medizinstudenten der Linzer Johannes-Kepler-Universität (JKU) während des KPJ auch in Hausarztordinationen ihre Praxis absolvieren – mindestens für vier Wochen, freiwillig bis zu zwölf Wochen. Davon unberührt bleibt die Mitarbeit in verschiedenen Spitalsabteilungen ein fixer Teil des KPJ. Während des KPJ erhalten die Studenten ein monatliches Taschengeld vom Spital. Die Besonderheit in Oberösterreich: OÖGKK und Ärztekammer für Oberösterreich finanzieren das Taschengeld der Studenten auch beim Hausarzt-Praktikum – sogar über die vier Pflichtwochen hinaus: ein starker Anreiz fürs freiwillig verlängerte Wahlpraktikum.

 

Details zur Förderung des Hausarztpraktikums im Klinisch-Praktischen Jahr

  • Die Förderung der OÖGKK und der Ärztekammer für Oberösterreich - finanziert aus dem Innovationstopf - richtet sich an Studierende der Humanmedizin an der Johannes-Kepler-Universität Linz (JKU). Wer an einer anderen Medizinuniversität studiert, kann die Förderung dann erhalten, wenn er oder sie die erklärte Absicht hat, nach Studienabschluss die neunmonatige Basisausbildung an einem oberösterreichischen Lehrkrankenhaus zu absolvieren.  
  • Die Förderung („Taschengeld") beträgt EUR 650,-- brutto (zuzüglich Lohnnebenkosten) für vier Wochen Pflichtpraktikum und optional für weitere vier Wochen freiwilliges Praktikum. Den Betrag erhält die Hausarztordination, welche das Taschengeld auszahlt. Die betreuenden Ärzte und Ärztinnen erhalten
    EUR 500,-- pro Monat als Aufwandsentschädigung. Während des Pflichtpraktikums übernimmt den Betrag die JKU, für ein freiwilliges zusätzliches Praktikum von vier Wochen die OÖGKK und Ärztekammer für Oberösterreich.
  • Die Hausärzte und Hausärztinnen, welche die Studierenden ausbilden, haben einen Kassenvertrag mit der OÖGKK. Sie erhalten nach Absolvierung des Ausbildungsseminars eine entsprechende Akkreditierung seitens der JKU. Das sind derzeit rund 30 Akkreditierungen. Wenn die Hausarztpraxis, wo der Student / die Studentin das Praktikum machen möchte, noch nicht akkreditiert ist, kann dies beim nächsten Seminar nachgereicht werden. Der nächste Termin findet am
    11. Oktober 2019 statt.

 

Mehr Details unter www.aerztementoring.at/kpj und www.aekooe.at/mentoring.

 

Studierende der Medizin an der JKU in Linz

Die ersten 35 Medizinstudenten und –studentinnen der JKU starteten mit August 2019 ins KPJ. Die Zahl der Studienplätze an der medizinischen Fakultät der JKU folgt einem Aufbaupfad und wächst stetig auf insgesamt 300 Studienplätze pro Jahr an. Im Wintersemester 2019/20 werden 180 Studierende an der Medizinischen Fakultät der JKU das Studium beginnen. Davon starten 60 Studierende in Linz und 120 Studierende in Graz, diese kehren nach dem 4. Semester wieder nach Linz zurück. Bereits 2022/23 werden es im 1. Semester 300 Studierende sein, welche an der JKU starten, davon 180 in Linz und 120 in Graz.

 

Allgemeinmedizin in Zahlen: Kassenstellen & Ärzte in Ausbildung

Derzeit sind 96,2 % der 734 Kassenstellen für Allgemeinmedizin in Oberösterreich besetzt. Da derzeit und auch in den nächsten Jahren starke Ärztejahrgänge in Pension gehen, gilt es, laufend freiwerdende Stellen nach zu besetzen.  

 

 Ärzte in Ausbildung an oberösterreichischen Lehrkrankenhäusern

  Allgemeinmedizin Facharztausbildung
Altes Ausbildungssystem 23 669
Neues Ausbildungssystem* 161 316
Gesamt 184 985

Zahlen: Ärztekammer für OÖ, Stand 4. September 2019.

* Beim neuen Ausbildungssystem beziehen sich die Zahlen auf Ärzte nach Abschluss der neunmonatigen Basisausbildung (erst zu diesem Zeitpunkt fällt die Entscheidung zwischen Allgemeinmedizin und Facharztausbildung).

 

Interesse am Beruf des Hausarztes / der Hausärztin möglichst früh wecken

Der OÖGKK, der JKU und der Ärztekammer für Oberösterreich ist es ein Anliegen, die praktische Ausbildung für Allgemeinmedizin attraktiver und angehende Ärzte neugierig auf das Berufsbild des Hausarztes bzw. der Hausärztin zu machen. Die medizinisch-praktische Ausbildung für Medizin findet hauptsächlich im Spital statt. Viele Jungmediziner haben daher eine Ordination für Allgemeinmedizin noch nicht auf dem „Radar". Die Förderung für das Praktikum beim Hausarzt während des KPJ soll ein Beitrag sein, möglichst früh die angehenden Mediziner für diesen Beruf zu interessieren, denn die Entscheidung zwischen Allgemeinmedizin und Facharztausbildung fällt seit der Reform der Medizinerausbildung schon zu einem frühen Zeitpunkt. War man früher nach dem dreijährigen Spitalsturnus in der Regel Allgemeinmediziner (und schloss danach eventuell die Facharztausbildung an), ist heute nach Abschluss des Medizinstudiums zunächst eine neunmonatige Basisausbildung im Lehrkrankenhaus vorgesehen. Bereits nach diesen neun Monaten müssen sich die Jungmediziner zwischen Allgemeinmedizin oder Facharztausbildung entscheiden. Wer da schon Erfahrungen in der Hausarztordination gesammelt hat, kann sich unter dem Berufsbild bereits viel vorstellen und wird sich eher für die Allgemeinmedizin begeistern, als jemand der den Hausarztberuf nur vom Hörensagen kennt.

 

Mehr Hausärzte finden: Wo die OÖ Gesundheitspartner bereits aktiv sind

Die OÖGKK und die Ärztekammer für Oberösterreich haben auf die Herausforderung des Nachwuchsmangels in der Allgemeinmedizin reagiert. Die Förderung des KPJ ist nur eine von mehreren Maßnahmen:

 

  • Lehrpraxis: Seit 2018 ist die Lehrpraxis fixer Bestandteil der ärztlichen Ausbildung für Turnusärzte, die sich für Allgemeinmedizin entschieden haben. Dabei arbeiten die Jungmediziner mindestens sechs Monate in einer Hausarztordination Seite an Seite mit einem erfahrenen Kassenarzt zusammen. Derzeit gibt es in Oberösterreich 77 Hausärzte mit Lehrpraxis. OÖGKK und Ärztekammer für Oberösterreich sowie die Trägerorganisationen haben Lösungen gefunden, welche die Organisation für Lehrpraxisinhaber und Ärzte in Ausbildung möglichst unkompliziert und attraktiv gestalten. So bleiben die Jungärzte in Oberösterreich formal in ihrem Stammspital angestellt und können dort auf freiwilliger Basis auch weiterhin Dienste absolvieren. Ihr Gehalt finanzieren überwiegend Bund, Länder und Sozialversicherungen gemeinsam. 
  • Ärztementoring: Dieses Angebot in Zusammenarbeit mit der Johannes-Kepler-Universität bietet bereits vor der Lehrpraxis die Möglichkeit, eine Hausarztordination kennenzulernen. Hausärzte und Hausärztinnen mit Kassenvertrag geben ihr Wissen und ihre Erfahrung an Studierende der Medizin bzw. an Ärzte in Ausbildung weiter. Zu diesem freiwilligen und kostenlosen Angebot gehören Schnupperpraxis, individuelle Betreuung und Seminare rund um Allgemeinmedizin und Praxisführung. Mehr Infos unter www.aerztementoring.at bzw. www.aekooe.at/mentoring.
  • Primärversorgung: Neben dem bewährten Modell des Hausarztes, gibt es Zusammenarbeitsformen wie etwa Primärversorgungszentren und Gruppenpraxen. Oberösterreich ist führend in Sachen Primärversorgung. Dabei arbeitet ein interdisziplinäres Team aus Experten und Expertinnen aus Allgemeinmedizin, Krankenpflege und je nach Standort z. B. Physiotherapie, Sozialarbeit, Diätologie und dgl. in einem Zentrum bzw. Netzwerk zusammen. Derzeit gibt es in unserem Bundesland vier Primärversorgungseinheiten. Ein weiterer Ausbau ist geplant. Die Primärversorgung ist besonders attraktiv für Allgemeinmediziner, die gerne im Team bzw. in Teilzeit - Stichwort Vereinbarkeit Beruf und Familie - arbeiten. 
  • Flexible Verträge: Neben Einzelpraxis, Primärversorgungseinheiten und verschiedenen Modellen der Gruppenpraxis können Allgemeinmediziner auch ohne sofortige Gründung einer eigenen Ordination in eine Kassenpraxis einsteigen. Die kürzlich eingeführte „Erweiterte Vertretung" ermöglicht die Mitarbeit in einer Kassenordination auf Basis eines freien Dienstvertrages – geeignet als Nebentätigkeit ohne Investitionsbedarf und für manche Ärzte vielleicht als „Testlauf" für eine eigene Hausarztpraxis. Wird die „Erweiterte Vertretung" eingesetzt, um überlange Wartezeiten für Patienten abzu­bauen und die ärztliche Versor­gung sicherzustellen, unterstützt die OÖGKK dies mit einer Sonder­honorierung. Weiters wird es voraussichtlich noch im Herbst 2019 die Anstellung von Ärzten in Kassenordinationen möglich werden.

 

Zusammenarbeit der Gesundheitspartner in Oberösterreich 

Albert Maringer, Obmann der OÖGKK

„Es gibt mittlerweile viele Möglichkeiten, während der medizinischen Ausbildung in den Hausarztberuf hinein zu schnuppern. Auch die Kassenverträge sind heute sehr vielfältig. Es gibt nicht ein Standardmodell für alle, sondern vielfältige Möglichkeiten, die sich mit der eigenen Work-Life-Balance in Einklang bringen lassen. Da hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan – nicht zuletzt dank der guten Zusammenarbeit der Systempartner in Oberösterreich."

 

Dr. Peter Niedermoser, Präsident der Ärztekammer für Oberösterreich

„Ein Taschengeld für das verpflichtende KPJ in der Niederlassung ist ein weiterer Schritt, die Allgemeinmedizin zu attraktiveren, um wieder mehr Mediziner für den Hausarzt-Beruf zu begeistern. Damit wird bereits früh signalisiert, dass die Allgemeinmedizin genauso wertvoll ist wie andere Fächer."

 

Univ.-Prof. DDr. Andrea Olschewski, Vizerektorin für Medizin der Johannes-Kepler-Universität Linz

„Ein modernes Medizinstudium soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch praktische Fähigkeiten. Die Medizinische Fakultät freut sich sehr darüber, dass die praktische Ausbildung im KPJ durch die Initiative der OÖGKK und der Ärztekammer für Oberösterreich im allgemeinärztlichen Bereich deutlich aufgewertet wird."