Presseaussendungen


Ideen für die Zukunft: Ärztekammer für OÖ mit Blick auf die kommenden fünf Jahre

Donnerstag, 1. Juni 2017, 10:00 Uhr
Presseclub OÖ, Landstr. 31, Saal C

Ihre Gesprächspartner:
Dr. Peter Niedermoser                          Präsident der Ärztekammer für OÖ
Dr. Harald Mayer                                   Kurienobmann der angestellten Ärzte
OMR Dr. Thomas Fiedler                      Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte

 

Pläne für die Funktionsperiode 2017 bis 2022
Die Wahl der Ärztekammer für OÖ ist geschlagen. Das Team rund um Präsident Dr. Peter Niedermoser stellt die Spitzenfunktionäre. Im Mai hat sich die Vollversammlung konstituiert. Viele erfahrene, aber auch viele junge Kolleginnen und Kollegen werden sich in der kommenden Funktionsperiode für die Ärzteschaft engagieren.
Am 9. Mai 2017 fand die konstituierende Vollversammlung der Ärztekammer für OÖ statt. Die Spitze der Ärztekammer für OÖ für die nächste Funktionsperiode von fünf Jahren (2017 bis 2022) setzt sich demnach wie folgt zusammen:

Dr. Peter Niedermoser    Präsident der Ärztekammer für OÖ
Dr. Johannes Neuhofer    1. Vizepräsident der Ärztekammer für OÖ
Dr. Harald Mayer    Kurienobmann angestellte Ärzte, 3. Vizepräsident
Dr. Viktoria Nader    Kurienobmann-Stellvertreterin angestellte Ärzte
Prim. Dr. Werner Saxinger, MSc    Kurienobmann-Stellvertreter angestellte Ärzte
OMR Dr. Thomas Fiedler     Kurienobmann niedergelassene Ärzte, 2. Vizepräsident
MR Dr. Wolfgang Ziegler     Kurienobmann-Stellvertreter niedergelassene Ärzte
MR Dr. Silvester Hutgrabner    Kurienobmann-Stellvertreter niedergelassene Ärzte

„Die kommenden fünf Jahre werden eine ausgesprochen spannende und intensive Zeit werden", sagt Präsident Dr. Peter Niedermoser. „Die Rahmenbedingungen weisen schon seit geraumer Zeit darauf hin, dass die Gesundheitsversorgung immer schwieriger aufrecht zu erhalten ist. Denn der Ärztemangel wird sich trotz der Medizinischen Fakultät in Linz in den kommenden Jahren deutlich verschärfen. Die Situation wird sich auch deshalb zuspitzen, weil viele politische Vertreter sowohl der Bundesregierung als auch des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger immer wieder mit unglaublichen Ideen versuchen, die Gesundheitsberufe auszubooten."

Unter den Verantwortlichen in der Gesundheitspolitik und bei den Keyplayern des Gesundheitssystems gibt es zwar einige, denen klar ist, dass ein Gesundheitssystem nur partnerschaftlich und im Zusammenwirken mit den Gesundheitsberufen und den Ärztinnen und Ärzten funktionieren kann. „Ein Beispiel, wie es funktionieren kann, ist Oberösterreich, wo Land, Ärztekammer und OÖGKK miteinander und auf Augenhöhe darum bemüht sind, die Probleme des Gesundheitswesens zu bewältigen. Genau dorthin muss die Gesundheitspolitik wieder zurückfinden", sagt Dr. Niedermoser. „Wir waren und sind auch in den kommenden fünf Jahren bereit, gemeinsam mit den Playern des Gesundheitswesens an einer Weiterentwicklung zu arbeiten. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Ärztinnen und Ärzte nicht als lästiger Kostenfaktor empfunden werden, sondern dass die Probleme des Gesundheitssystems auf Augenhöhe diskutiert und gemeinsam Lösungen gefunden werden."

Das stets wiederkehrende Mantra der Politik „Wer zahlt, schafft an" sei laut Niedermoser nicht förderlich und werde schlussendlich zu einer Leistungsverminderung führen, zu der die Politik aber auch stehen sollte. „Es gilt, mit den Mitteln sorgsam umzugehen, um weiterhin eine gute Versorgung in Oberösterreich zu haben, aber auch darum, genau dort mehr Mittel aufzuwenden, wo es im Sinne einer Stabilisierung des Gesundheitswesens notwendig ist."

In Österreich werden operative Entscheidungen des Gesundheitswesens fast ausnahmslos auf Landesebene getroffen. OMR Dr. Thomas Fiedler, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte, ergänzt: „Wir haben in Oberösterreich den großen Vorteil einer guten und konstruktiven Zusammenarbeit mit unseren Partnern."

Abwehr der Verstaatlichungstendenz
Der gesetzliche Rahmen für unser System wird allerdings durch Bundesgesetze festgelegt, die zwischen den Institutionen auf Bundesebene – Ministerium, Hauptverband und Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) – diskutiert werden. „Wir erleben derzeit eine schleichende Verstaatlichung des Gesundheitssystems", sagt Dr. Peter Niedermoser. „Alle funktionierenden Systeme in Europa sind so genannte ‚Bismarcksche Gesundheitssysteme‘, die dadurch geprägt sind, dass sie den Patientinnen und Patienten ein abgestuftes Versorgungssystem anbieten." Hochkomplexe Leistungen sollen im Spital erbracht werden, ambulante Leistungen vor allem in den Ordinationen freiberuflich tätiger Ärzte.
„Dieses System wurde zuletzt immer wieder in Frage gestellt", so Dr. Niedermoser. „Vor allem der Hauptverband ist die treibende Kraft, den Kassen zu ermöglichen, Ambulatorien und Spitalsambulanzen anstelle niedergelassener Ärzte unter Vertrag zu nehmen. Damit gehen wir einem verstaatlichten Gesundheitssystem entgegen, wie wir es aus Großbritannien kennen, wo vor allem fachärztliche Medizin nur in Spitalsambulanzen in Anspruch genommen werden kann – es sei denn, der Patient kann sich eine Privatordination leisten."

Hinter diesen Tendenzen steckt die Absicht, die Kosten des Systems von oben her zu reduzieren, in dem das Angebot an Leistungen eingeschränkt wird. Eine solche Verstaatlichung des Gesundheitssystems würde vor allem für die PatientInnen eine dramatische Verschlechterung in der Versorgung bringen. Dr. Niedermoser: „Wir sind bereit, mit den politisch Verantwortlichen Wege zu finden, damit auch ein vermehrter Mittelzustrom zum Gesundheitssystem möglich sein wird."
 
Vernetzung ambulanter und stationärer Bereich
Speziell in Oberösterreich ist es an der Peripherie notwendig, die ärztlichen Ressourcen zu bündeln. Die Kinderabteilung in Kirchdorf ist nach wie vor ein österreichweites Vorzeigeprojekt, bei dem es gelungen ist, einerseits die niedergelassene ambulante Versorgung zu optimieren und andererseits eine von der Schließung bedrohte pädiatrische Abteilung zu retten. „Für uns ist es ein absolutes Tabuthema, Kassenverträge für Spitäler zuzulassen, weil sie die Existenz des freiberuflichen Arztes in Frage stellen", sagt Kurienobmann Dr. Fiedler. „Wir müssen uns allerdings Gedanken für die Zukunft machen, wie die periphere Versorgung weiterhin ausgestaltet werden soll. Dafür müssen Versorgungsformen gefunden werden, die in Personalunion die ambulante und stationäre Versorgung sicherstellen." Entwickeln können solche Konzepte aber nicht die Rechtsträger oder die Gesundheitspolitik. „Solche Konzepte müssen von denen kommen, die diese Versorgung auch übernehmen sollen und am besten die Bedürfnisse der Patienten beurteilen können, nämlich von den Ärzten, und zwar angepasst auf die unterschiedlichen Regionen und Bedürfnisse."

Auch im niedergelassenen Bereich muss es mehr Kooperationsmöglichkeiten geben. Denn es geht nicht nur darum, den Ärzten diese Kooperationsmöglichkeiten anzubieten, sondern dass diese auch strukturell und wirtschaftlich attraktiv sein müssen. „Neue Kooperationsformen machen keinen Sinn, wenn sie mit Auflagen verbunden sind, die kooperationswillige Ärzte abschrecken müssen. Das vorliegende PVE-Gesetz ist ein Musterbeispiel dafür."

 

Zunehmende Bürokratisierung
„Auf diesen Punkt habe ich bereits mehrfach hingewiesen", sagt Dr. Harald Mayer, Kurienobmann der angestellten Ärzte. „Die bürokratischen Anforderungen steigen trotz knapper werdender Personalressourcen ständig. Diese Bürokratie in den Spitälern und Kassenordinationen sollten auf ihre Kosten-Nutzen-Relation hinterfragt werden. Vor allem in den Spitälern hätten es die Rechtsträger in der Hand, administrative Aufgaben noch mehr an zusätzliches administratives Personal zu verlagern und damit die Ärzte für die Patientenversorgung freizumachen."

Arbeitsbedingungen der Spitalsärzte
Einer der größten standespolitischen Erfolge der jüngeren Vergangenheit war die Durchsetzung der Begrenzung der Arbeitszeit der Spitalsärzte. Dr. Mayer: „Es ist ein Meilenstein, dass Ärzte so wie andere Berufe davor geschützt werden, mehr als 48 Wochenstunden im Schnitt arbeiten zu müssen. Bedauerlicherweise gibt es immer wieder Strömungen in der Gesundheitspolitik oder auch von Rechtsträgern, die diesen Arbeitszeitschutz wieder aufweichen wollen. Es wird ein wichtiges Anliegen bleiben, dass Ärzte nicht gegen ihren Willen gezwungen werden können, länger zu arbeiten."

Zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen gehört aber auch, dass die Spitäler auf die Bedürfnisse kommender Ärztegenerationen eingehen werden müssen: familienfreundlichere Arbeitsbedingungen, flexible Teilzeitmodelle und verträgliche Arbeitsbedingungen für die älteren Kollegen, um deren Expertise und Erfahrung zu bewahren.
In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Spitäler zusammengelegt, wodurch ganze Abteilungen verschwunden sind. Dr. Mayer: „Viele engagierte Mittelbauärzte haben daher den Eindruck, dass das Spital eine Sackgasse ist und Leistung nicht wie in anderen Betrieben durch Karrieremöglichkeiten belohnt wird. Wenn die Spitäler diese Ärzte ans Spital binden wollen, dann müssen auch attraktive Karrieremodelle für Fachärzte geschaffen werden, die gemeinsam mit uns entwickelt werden müssen."

Zugang zu den Spitalsambulanzen kontrollieren
Auf ein immer akuter werdendes Problem hat Kurienobmann Dr. Mayer bereits mehrfach und eindringlich hingewiesen: der unkontrollierte Zugang zu den Spitalsambulanzen. „Hier wären wir der Politik wirklich dankbar, wenn endlich der unreflektierte Zugang zu den Spitalsambulanzen eingedämmt werden würde", sagt Dr. Mayer. „Wir brauchen diese Zugangsbeschränkungen dringend. Sobald die Politik praktikable Lösungen findet, kann sie sich unserer Zustimmung sicher sein."

Ausbildung der Jungärzte
Bei der Ausbildung von Jungärzten ist in der Vergangenheit schon einiges geschehen: regelmäßige Evaluierung der Ausbildungsqualität mit laufenden Abteilungsbewertungen.
Dr. Niedermoser: „Da speziell Spitäler wie auch Krankenversicherungsträger davon abhängig sind, dass es auch in Zukunft genügend qualifizierte Ärzte gibt, fordern wir ein wesentlich stärkeres Engagement der Rechtsträger und Krankenkassen für eine Verbesserung der Ausbildung ein."
Dazu gehören etwa die Übernahme der Arztprüfungskosten durch die Rechtsträger, eine deutlich erweiterte Kostenübernahme von Fortbildungsmaßnahmen, eine attraktive Umsetzung der nach der neuen Ärzteausbildungsordnung verpflichtend vorgesehenen Lehrpraxis der Allgemeinärzte und schließlich, dass den Jungärzten sinnvolle Entscheidungsgrundlagen dafür zur Verfügung gestellt werden, welche Fachbereiche Zukunft haben beziehungsweise dass gerade in Mangelbereichen auch Ausbildungsmöglichkeiten mit entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Aufwertung der Allgemeinmedizin
Parallel dazu sollte es endlich zur versprochenen Aufwertung der Allgemeinmedizin kommen. Dr. Fiedler: „Das scheint seit Jahrzehnten ein Lippenbekenntnis der Politik zu sein. Dabei trägt der Allgemeinmediziner einen wesentlichen Teil der Patientenversorgung." Es genüge nicht, dass Gemeinden darüber klagen, keinen Landärztenachwuchs zu finden. „Vielmehr muss sich die öffentliche Hand, aber auch die Krankenkasse Gedanken darüber machen, wie die Arbeitsbedingungen von Landärzten verbessert werden können. Dazu gehört die Möglichkeit zur Vernetzung und erweiterten Zusammenarbeit, die Übernahme von Infrastrukturkosten, aber auch die Fortführung des derzeitigen Bereitschaftsdienstes unter weiter verbesserten Rahmenbedingungen."

Absicherung der Facharztpraxen
Einige Entscheidungsträger im Gesundheitssystem stellen die Existenzberechtigung des niedergelassenen Facharztes in Frage und wollen fachärztliche Leistungen primär in Spitalsambulanzen erbracht sehen. Dr. Fiedler: „Diese Tendenzen werden wir mit aller Kraft abwenden und sicherstellen, dass auch außerhalb der Spitalsmauern Fachärzte ihre Leistungen in Ordinationen anbieten können."

Abbau von Regression und Limitierungen
„In unserem Sozialversicherungssystem sind Regressionen und Limitierungen üblich", sagt OMR Dr. Thomas Fiedler. „Das heißt, je mehr ich arbeite, desto weniger bekomme ich für die einzelne Leistung bezahlt. Vielmehr aber sollte das Credo lauten: Leistung muss sich wieder lohnen. Dafür braucht es Anreize, damit die Versorgung auf gleichbleibendem Niveau erhalten werden kann."

 

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